Speedkletterin Mirosław will eigenen Weltrekord brechen

Veröffentlicht am 25. Februar 2022

Von Catiana Rettenberger

Glaubst Du, dass Du Deinen eigenen Weltrekord von Tokio verbessern kannst? 

Aleksandra Mirosław: Ja, auf jeden Fall! Vielleicht in München.

Aber fangen wir von vorne an. Aleksandra Mirosław, geborene Rodzińska, begann ihre sportliche Karriere damit, im Schwimmbad Bahnen zu ziehen. Nach sechs Jahren Schwimmen begleitete die gebürtige Polin ihre ältere Schwester zum Sportklettertraining. „Ich denke, ich habe immer fest daran geglaubt, dass ich eines Tages Weltmeisterin werde. Und dass ich die Beste der Welt sein werde”, erklärte die 28-Jährige in unserem Exklusivinterview.  

Durch das Aufstellen des aktuellen Weltrekords von 6,84 Sekunden im Speedklettern bei den Olympischen Spielen in Tokio kann Mirosław getrost sagen, dass ihr Vertrauen nicht unbegründet war. Bereits nach der aller ersten Trainingseinheit war sie dem Sportklettern verfallen. Sie tauschte das Wasser gegen Karabinerhaken, Seile und frühe Stürze auf die Matte. 

Disziplinen beim Sportklettern

Disziplinen beim Sportklettern

Sie stellte schnell fest, dass es drei verschiedene Disziplinen zur Auswahl gab:   

  • Beim Speedklettern erklimmen die Athletinnen und Athleten so schnell wie möglich eine 15 Meter hohe Wand mit einer festgelegten und genormten Route, während beim Lead- und Bouldern die Routen vor Beginn des Wettkampfs unbekannt sind. 
  • Ein Boulder kann bis zu vier Meter hoch sein und wird ohne Seil erklettert. Die Kletterinnen und Kletterer müssen eine Vielzahl von so genannten “Problemen” lösen, um oben anzukommen. Wer mit den wenigsten Versuchen die meisten Cruxes knackt, gewinnt. 
  • Der Ausdauerwettkampf Lead wird mit einem Seil an einer Route mit Überhang geklettert. Man hat nur einen Versuch, um die aufeinanderfolgenden Probleme innerhalb des Zeitlimits von sechs Minuten zu lösen. Die Route kann genauso hoch sein, wie die Speed-Kletterwand, wobei die Mindesthöhe 12 Meter beträgt.  

Im Gegensatz zu ihrer Schwester beschloss Mirosław, sich auf das Speedklettern zu konzentrieren. Das erfordert vor allem Kraft und Explosivität, während das Lösen von Problemen an Ort und Stelle beim Lead und Bouldern eher technische Fähigkeiten erfordert. 

Jahrelange Weltrekord-Jagd

Zehn Jahre vor Tokio, Jahre bevor Sportklettern zur olympischen Sportart wurde, hätte Mirosław beim Weltcup in Chamonix 2011 beinahe den Weltrekord gebrochen: „Ich war nah dran, aber nie nah genug.” 

2013, 2018 und 2019: Immer wieder hatte die in Polen geborene Athletin das Nachsehen, während sie den anderen dabei zuschauen musste, wie sie die Grenzen überschritten und Rekorde aufstellten. Trotzdem krönte sie sich 2018 und 2019 zur Weltmeisterin. Neun Monate vor den Olympischen Spielen, nachdem sie sich bereits qualifiziert hatte, verletzte sie sich an einem Finger der rechten Hand. Nicht gerade die Art von Verletzung, die man auskurieren kann, während man eine 15-Meter-Wand hochsprintet und sich mit den Händen hochdrückt. Aber sie machte weiter.  

Beim ersten olympischen Finale im Sportklettern erfüllte sich Mirosław schließlich ihren Traum. Sie unterbot den bestehenden Weltrekord um ein ganzes Zehntel und stellte eine neue Bestzeit von 6,84 Sekunden auf: „Ich war wirklich glücklich und habe danach geweint.” Die Erleichterung war unermesslich. „Es war überwältigend. Und für mich war es der beste Ort, um den Weltrekord zu brechen, dem ich seit zehn Jahren hinterhergelaufen bin.” Und damit hatte die zweimalige Weltmeisterin schon alles erreicht, was sie sich vorgenommen hatte. 

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Als das Internationale Olympische Komitee ankündigte, dass es beim Sportklettern nur einen Medaillensatz geben würde und die drei Disziplinen einen Dreikampf bilden würden, war die Kletterwelt empört. Aber wie alle anderen musste sie anfangen, die ihr fremden Disziplinen zu trainieren, um eine Chance auf eine olympische Medaille zu haben. „Ich glaube, alle haben versucht, ihr Bestes zu geben [...] in der Disziplin, in der sie nicht die Besten sind”, sagt Mirosław lachend. Auch wenn der Schmerz, das Podium haarscharf verpasst zu haben, noch anhält. In Paris 2024 wird es zwei Medaillensätze geben - je einen für das neue Kombinationsformat (Boulder & Lead) und eine für Speed. Bei den Europameisterschaften in München 2022 werden hingegen insgesamt vier Gold-, Silber- und Bronzemedaillen vergeben - eine für jede Disziplin und die zusätzliche Medaille für das neue olympische Kombinationsformat. Das macht München 2022 zum ersten internationalen Wettbewerb, dass das neue Format einführt. 

Weltrekord trotz überholter Beta

Weltrekord trotz überholter Beta

Mirosław hat ihr Training daher nun wieder auf das Speedklettern allein ausgerichtet. „Vor den Olympischen Spielen haben alle gesagt, dass Klettern nach meiner Beta, eine Beta der alten Schule ist, und man so keinen Weltrekord brechen kann.” “Beta” ist im Kletterjargon die Information darüber, wie eine Route erfolgreich geklettert wird. Da die Speedkletterroute bekannt ist, treten alle mit einer einstudierten Beta an. 

Im Laufe der Jahre wurde der “Tomoa-Skip”, eine von dem japanischen Boulderer Tomoa Narasaki eingeführte Kletterstrategie bei der man vom freien Griff zum Fünfgriff wechselt, beliebt und viele Athletinnen und Athleten änderten ihre Beta entsprechend. Und Mirosław stimmt zu: „Das ist wahrscheinlich die Schnellste.” Trotzdem ist sie seit 2014 bei ihrer Beta geblieben, wobei auch sie einen möglichen Wechsel in Betracht zog: „Es war eine schwere Entscheidung für mich und meinen Trainer, es nicht zu tun. Aber ich habe wirklich an meinen Trainer und unseren Plan geglaubt.” Die 28-Jährige sagt, dass sie sich mit ihrer Beta wohlfühlte und ihr Bauchgefühl ihr sagte, dass sie diese behalten sollte, da sie wusste, dass sie damit die Schnellste sein konnte. Außerdem ist es ihr Ziel gewesen, die Zweifler eines Besseren zu belehren: „Ich habe bewiesen, dass es möglich ist.”

„Beim Klettern geht es nicht nur um die Beta. Es geht auch um Kraft und Kondition, Vorbereitung und andere Dinge.” Deshalb denkt die polnische Kletterin nicht, dass irgendjemand (zurück) zu ihrer Beta wechseln wird. Und vielleicht wechselt sie sogar selbst. Auch bei einer bewährten Marschroute spürt man einfach, wenn es Verbesserungspotenzial gibt. „Also muss man sie ändern, um Fortschritte zu machen.” Ein weiterer Fortschritt würde für Mirosław einen neuen Weltrekord bedeuten. Und sie ist überzeugt, dass sie es besser machen kann. „In Tokio hatte ich eine wirklich schlechte Startreaktion, etwa 0,27 Sekunden, glaube ich. Ich habe also 0,1 Sekunden gutzumachen, und schaffe dann 6,74 Sekunden. Ich denke, das ist viel Raum, um den Weltrekord zu brechen. Der Plan ist, dieses Jahr mein Bestes zu geben.”

Ziele für München 2022 und Sportklettern

Im Jahr 2022 wird sie jedoch nicht viele Möglichkeiten haben ihren Weltrekord zu übertreffen! Mirosław wird nur bei einigen wenigen Weltcups wie in Salt Lake City und vielleicht Seoul antreten. Dennoch strebt sie einen neuen Weltrekord an: „Vielleicht in München. Die Europameisterschaften in München werden mein Hauptstart sein. Wahrscheinlich wird es der beste Wettkampf für mich in diesem Jahr.” 

In München hat sie ein klares Ziel: „So wie wahrscheinlich alle anderen auch, möchte ich den Europameistertitel gewinnen.” Die meisten ihrer Deutschkenntnisse aus den drei Schuljahren Sprachunterricht sind verblasst, gibt sie zu, aber sie ist froh, dass sie den Namen der Gastgeberstadt perfekt aussprechen kann. „Für mich ist es das Wichtigste, mein Bestes zu geben”, in den Sprachen und für ihren Sport. Eine „gute Leistung macht auch das Sportklettern populärer. Der Weltrekord bei den Olympischen Spielen hat natürlich dazu beigetragen, den Sport in der ganzen Welt bekannt zu machen.” 

Über Nacht wurde Mirosław zu einer Sportberühmtheit in Polen. Die Kletterwelt kennt sie schon seit Jahren, aber jetzt wird sie auch in ihrer Heimatstadt Lublin ständig erkannt und angesprochen: „Ich kann sagen, dass ich in Polen bekannt bin, und das ist irgendwie schön. Aber sobald man anfängt, bekannter zu werden, ist es wahrscheinlich ermüdend.” Gut, dass der Ruhm auch seine Vorteile hat. „Es ist wirklich toll, dass Sportklettern jetzt auf einer Stufe mit anderen Sportarten, wie Leichtathletik und anderen sehr beliebten Sportarten, in Polen steht.” 

Als selbst begeisterte Anhängerin freut sich Mirosław darauf, die Leichtathletik in München persönlich zu erleben: „Wir haben ein wirklich starkes Team.” Und: „Triathlon kann für mich sehr interessant sein.” Zur Unterhaltung sowie als möglicher Trainingsinput: „Ich schaue gerne bei einer anderen Sportart und den besten Athletinnen und Athleten der Welt zu, weil ich dabei viel lernen kann.” Auch die Beachvolleyballerinnen und Beachvolleyballer wird sie sich anschauen können, denn sie treten ebenfalls auf dem Königsplatz an.   

„Ich glaube, dass das Interesse von Beachvolleyball-Fans für Speedklettern zufällig geweckt werden kann. Man sieht etwas, jemanden klettern, ‘oh, was ist hier los?’ Und man denkt sich: ‘Ok, das kann ich mir ansehen.’” Einen Weltrekord live mitzuerleben, das wäre doch ein schöner Zufall, oder?

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