Fintan McCarthy über den Kampf der Ruderbrüder Skibbereens

Veröffentlicht am 22. April 2022

Von Catiana Rettenberger

„Ich würde es nicht einmal eine Kleinstadt nennen, geschweige denn eine Stadt”, sagt der Ruderer Fintan McCarthy lachend, als er seinen Heimatort Skibbereen in Count Cork (2.700 Einwohner) beschreibt. Dennoch erlangte der 25-jährige irische Ruderstar weltweiten Ruhm, als er sich 2019 zum Weltmeister und 2021 zum Olympiasieger im Leichtgewichts-Doppelzweier der Männer an der Seite von Paul O'Donovan krönte. Wir sprachen mit dem Spitzensportler in einem Exklusivinterview.

Seine beiden Geschwister sagen, dass McCarthy als Kind schrecklich unsportlich war. Egal, ob Fußball, Gaelic Football oder eine andere Sportart, er schien einfach nicht der sportliche Typ zu sein. „Ich war so schlecht in allem anderen.” Im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder Jake, der laut McCarthy in allen Sportarten stark war, aber über ihn sprechen wir später noch. 

Schließlich fand McCarthy im Alter von 15 Jahren eine Sportart, die ihm zusagte. „Ich bin sozusagen darüber gestolpert und fand etwas, das mir Spaß machte und in dem ich ganz gut war. Von da an ging es dann irgendwie Schlag auf Schlag.” Seinen späten Start sieht er dennoch nicht als Nachteil an. „Wahrscheinlich hat es mich irgendwie vorangebracht und den Prozess beschleunigt, weil ich in einem Alter war, in dem ich ziemlich schnell lernen musste.” Er hat die Jahre übersprungen, in denen er nur zum Spaß trainiert hätte, und ist direkt zum richtigen Training übergegangen. In weniger als zwei Jahren hat er zu seinen Altersgenossen aufgeschlossen und würde sie schon bald übertreffen.

Die Kunst des Ruderns

Die Kunst des Ruderns

Für ihn ist die Belohnung für das Training ein linearer Prozess: „Je mehr Arbeit man leistet, desto besser wird man.” Es fasziniert ihn, dass es immer Raum für Verbesserung gibt, immer einen Weg, noch besser zu werden, da Perfektion schlicht unerreichbar ist. Es ist zum Beispiel ziemlich schwierig, in einer perfekt geraden Linie zu fahren. Daher balancieren die Ruderer das Boot aus, indem sie mit einem Ruder härter als mit dem anderen schlagen. In größeren Booten hat ein Ruderer ein Ruder an seinem Fuß befestigt, welches er durch Zucken steuern kann.

Auf den ersten Blick wirkt der Sport sehr unkompliziert und logisch. Beim Rudern „muss man einfach nur vor den anderen Booten ins Ziel kommen, es ist wie bei einem normalen Wettrennen. Das Problem ist nur, dass du rückwärtsfährst und dadurch nicht sehen kannst, wohin du fährst. Aber das Gute daran ist, dass man seine Gegner sehen kann.” Zu sehen, wie weit vorne er liegt, ist für den Iren eine große Motivation.

Skibbereen Rowing Club

Die Möglichkeit, seine Gemeinde zu repräsentieren, „Freunde und Familie eigentlich, weil alle so eng miteinander verbunden sind”, ist ein zusätzlicher Bonus und eine extra Motivationsquelle. „Es kann deine Leistung in einigen Aspekten steigern.”

Seit er 2012 mit dem Rudern begonnen hat, ist McCarthy Teil des Skibbereen Rowing Clubs, wo er von Anfang an zu vielen Älteren aufschauen konnte. Insbesondere die O'Donovan-Brüder Paul und Gary, die bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro Silber gewannen. Das Paar war vernichtend überlegen.

Aber Paul ist nicht der einzige Ruderer aus Skibbereen mit einem talentierten Bruder. Fintans Zwillingsbruder Jake begann ein Jahr nach ihm mit dem Sport und erwies sich auch in diesem Sport als gut. Nach einigen Erfolgen im Vierer-Ruderboot mit der irischen U23-Mannschaft begann auch McCarthy mit seinem Bruder zu rudern. Das stärkte ihr brüderliches Verhältnis. „Ich liebe es, mit ihm [Jake] zu trainieren. Er ist so ein Tier, er ist eine wirklich gute Person zum gemeinsamen Training. [...] Wir haben ein wirklich gutes Timing, wenn wir zusammen rudern.” Und das zeigt sich auch: 2019 wurden die Geschwister gemeinsam Fünfte bei den Europameisterschaften. Alles deutete darauf hin, dass sich die Geschichte von Skibbereen wiederholen könnte, mit zwei Brüdern, die sich gegen den Rest des Landes durchsetzen.

Doppeltes Lottchen

Doppeltes Lottchen

Die Zwillinge wussten, dass sie noch eine Menge Arbeit vor sich hatten, bevor sie sich einen Platz im irischen Leichtgewichts-Doppelzweier schnappen konnten, solange die O'Donovans selbst darauf aus waren. „Er [Paul O'Donovan] war immer jemand, zu dem wir aufgeschaut haben und dem wir gewissermaßen versucht haben, nachzueifern, denke ich.”

Jetzt rudert McCarthy bekanntlich mit Paul, auch wenn er nicht ausschließt, wieder mit seinem Zwilling an den Start zu gehen. McCarthy sicherte sich seine Position, indem er Gary bei den irischen Trials 2019 ausstach, und hat seinen Platz seitdem nicht mehr hergegeben. „Am Anfang war es etwas beängstigend, aber ich habe so viel dazugelernt und wurde so viel schneller, dass es größtenteils einfach eine aufregende Zeit war.” Unter anderem hat er von Paul gelernt, „wie man trainiert und wie man sich selbst komplett verausgaben kann”.

Mit dieser Mentalität gewannen sie dann gemeinsam ihre ersten internationalen Goldmedaillen. Das waren McCarthys erste große Titel, die ihn zu Europas Ruder Elite aufsteigen ließen. Auch um zu zeigen, dass er nicht von seinem Partner mitgeschleift wurde, sondern seinen eigenen Beitrag leistet, trat der 25-Jährige bei den Europameisterschaften 2020 im Einerkanadier an. Et voilà, eine Bronzemedaille ganz ohne Hilfe.

Vertrauen in den Prozess

McCarthy mag Struktur und folgt gerne klaren Abläufen. Und er trainiert hart für seinen Erfolg:

  • 1-2 Rudereinheiten pro Tag: Lange Einheiten mit niedriger Intensität für die aerobe Basis/ Intervalleinheiten für das Training im Renntempo
  • 3x Krafttraining pro Woche

„Und manchmal machen wir Cross-Training mit Aerobic-Einheiten. Vielleicht fahren wir mit dem Rad, anstatt zu rudern, und manche Leute laufen auch, aber laufen liegt mir nicht so sehr.”

Selbst McCarthy ist nicht immer so strukturiert. „Wenn es um Wettkämpfe geht, bin ich definitiv so. Und auch in meinem Alltag würde ich gerne immer so sein, aber irgendwie kommt mir das manchmal abhanden.”

Aber Training ist etwas anders, vor allem seit er sein Physiologiestudium begonnen hat. Er hat nicht nur etwas über Nahrungsergänzungsmittel gelernt, sondern auch an etwas anderem gewonnen: „Mehr Vertrauen in unser Trainingsprogramm, weil ich genau weiß, welche physiologische Anpassung ich dadurch erreiche. Ich stehe also voll und ganz hinter dem, was ich tue.”

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Rudern ≠ Kajakfahren

Egal, welcher Wettkampf, es herrscht häufig Unklarheit hinsichtlich der Sportart. „Es ist hauptsächlich eine Beinbewegung, wir vollenden sie [die Bewegung] nur quasi mit unseren Armen. Aber alle sagen immer: ‚Oh, du bist ein Ruderer, du musst ziemlich starke Arme haben.’ Das ist eine häufige Reaktion. Und dann kommt natürlich die Frage: ‚Oh, du fährst Kajak? Man wird mehr oder weniger zu dieser allgemeinen Wassersportkategorie zugeordnet.”

Den Kajakfahrern ergeht es auch kein Stück besser. Wie uns die spanischen Kanuten Marcus Cooper Walz und Carlos Arévalo López in einem Exklusivinterview erzählten, werden sie wiederum gefragt, ob sie Ruderer sind.

München 2022

Bei den European Championships Munich 2022 werden sowohl Kanusprint als auch Rudern im Olympia-Regattazentrum München ausgetragen, so dass man beide Sportarten aus nächster Nähe verfolgen kann. McCarthy freut sich schon auf das Event: „Wir lieben es, jedes Jahr zu den Europameisterschaften zu fahren.” Aber sie möchten nicht einfach nur dabei sein. „Wir haben die Europameisterschaften letztes Jahr gewonnen, also müssen wir versuchen, diesen Titel zu verteidigen.”

Da sich die O'Donovans und Jake McCarthy auf ihr jeweiliges Studium konzentrieren, ist die Frage, wer im Leichtgewichts-Doppelzweier der Männer antreten wird, noch nicht endgültig geklärt. Damit hat Fintan die Chance, im Einzel zu starten, genauso wie bei den Europameisterschaften 2020. Er hat jedoch hohe Ansprüche. „Ich habe dort nur eine Bronzemedaille geholt, also wäre es schön, vielleicht ein paar Plätze weiter oben zu stehen.” Das heißt im Grunde Gold.

Die kontinentale Stärke beim Rudern variiert, „aber für uns im Leichtgewichts-Doppelzweier ist Europa wirklich stark.” Das olympische Finale in Tokio war fast ausschließlich mit europäischen Athleten besetzt. McCarthy verdeutlicht: „Bei den Europameisterschaften treffen wir normalerweise auf so ziemlich jeden, den wir im Auge haben.”

München 2022 wird nicht die erste Reise des Iren in die bayerische Hauptstadt sein. Als er etwa 12 Jahre alt war, besuchte er München auf einer Klassenfahrt, kann sich aber nicht mehr an viel erinnern, außer dass für seine Klasse Mützen verteilt wurden, damit sie nicht verloren gehen. Diesmal hofft er, mehr zu sehen zubekommen und sich an ein wenig mehr erinnern zu können. Einschließlich der anderen acht Europameisterschaften, die im August stattfinden. „Leichtathletik und Turnen wären cool, denn es gibt einige irische Wettkämpfer:innen, und es wäre cool, ihnen auch zuzusehen.”

„Es ist ein bisschen wie bei den Olympischen Spielen, alle werden zur gleichen Zeit dort sein.”

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