Jolanda Neff: EM vergleichbar mit Weltcup

Geballte Mountainbike-Qualität in Europa

Veröffentlicht am 11. März 2022

Von Catiana Rettenberger

Jolanda Neff ist bei jedem Mountainbike Cross-Country-Wettkampf Anwärterin auf den Titel. Und gewonnen hat die 29-Jährige schon oft: Olympiasiegerin von Tokio, jüngste Gesamtweltcupsiegerin, dreimalige Gesamtweltcupsiegerin, vierfache Weltmeisterin, vierfache Europameisterin, zehnfache Schweizer Meisterin. Zeitweise fuhr sie sogar zusätzlich zu ihrem Programm Straßenrennen, und qualifizierte sich für die Olympischen Spiele in Rio in beiden Raddisziplinen. Seit mehreren Jahren liegt ihr Fokus wieder einzig auf dem Mountainbike.

Freude auf und Ziel in München

Freude auf und Ziel in München

Schon bei der ersten Auflage der European Championships 2018 in Glasgow und Berlin war Mountainbike Cross-Country mit von der Partie. Der bleibende Eindruck bei Neff ist durchweg positiv: „Ich war schon bei den Europameisterschaften in Glasgow und für mich war das ein super tolles Erlebnis. Das war top organisiert damals und wir hatten eine total coole Strecke. Für mich bleibt das als super Rennen in Erinnerung und ich habe es total genossen,“ so die Schweizerin im exklusiven Interview mit München 2022.

Die zweite Auflage der European Championships findet zum 50. Jubiläum des hiesigen Olympiaparks in München statt. Diesmal mit neun Sportarten, und Mountainbike Cross-Country kehrt zurück. „Ich muss sagen, ich freue mich jetzt schon auf München. Ich bin mir sicher, das wird wieder top organisiert sein.“

Bei Europameisterschaften gibt es stetig neue Orte und Strecken zu erleben, da diese fernab von den üblichen Weltcup-Rennen und Co. stattfinden, deren Hänge man kennt, wenn auch nicht die exakte Strecke. Allein deshalb fährt Neff den Kontinentalwettkampf sehr gerne, doch das ist nicht alles: „Es würde mir sehr viel bedeuten, einen fünften EM-Titel zu gewinnen. Die EM hat bei mir schon immer einen speziellen Stellenwert.“

Die perfekte Cross-Country-Strecke

Mountainbike Cross-Country-Wettkämpfe sind Einzelrennen auf einem mehrfach zu befahrenem Rundkurs mit Massenstart und einer angepeilten Länge von etwa 90 Minuten. Dabei geht es wortwörtlich über Stock und Stein.

Die Inspektion dieser Strecken ist enorm wichtig. Denn die letztendliche Strecke sehen die Athletinnen und Athleten erst vor Ort. Neff hat ihre eigenen Vorstellungen einer perfekten Rundfahrt: „Also am liebsten hätte ich eine Strecke wie in Glasgow. Das war eine total coole, spaßige Strecke und die hatte so viele Sprünge drin.“ Statt nur über Hügel zu rollen, von einem zum nächsten zu springen, das bereitet der Athletin selbst im konzentrierten Wettkampf langanhaltende Freude. Außerdem sollen die Strecken natürlich sein, selbst wenn diese teilweise gebaut werden müssen. „Das war bei uns in Tokio so. Die Strecke war komplett gebaut, aber die hat sich so natürlich angefühlt.“

Dennoch muss etwas Ernst dabei sein: „Ich lieb’s immer, sobald es technisch anspruchsvoll ist, auch in den Aufstiegen.“ Die zehnfache Schweizer Meisterin ist eine der technikaffinsten Fahrerinnen der Welt. Für sie ist es wichtig, „dass es da Wurzeln drin hat, und Steine, dass man da nicht einfach hochfahren kann wie eine Autobahn.“ Doch selbst das könnten die wenigsten in demselben Tempo der Weltelite.

„Die Technik ist ein riesiger Faktor in unserem Sport, und das hat sich in den letzten Jahren stark verstärkt. Jetzt wird das auch spezifisch trainiert, das war früher nicht der Fall.“ Doch heute rentiert sich eine ausgebildete und feine Fertigkeit immens. „Es gibt auf jedem Meter etwas zu gewinnen, wenn Du die richtige Technik hast.“ Doch das misst sich nicht unbedingt in Zeit. „Du kannst auch einfach Energie sparen oder sicherer unterwegs sein.“ Dadurch lassen sich unter anderem Stürze vermeiden. Trotz aller Vorsicht stürzte Neff Ende Dezember 2019 schwer. An Training oder weihnachtliche Stimmung war nicht mehr zu denken, stattdessen verbrachte sie mehrere Wochen im Krankenhaus. Milzriss, kollabierte Lunge, Rippenbrüche, Not-OP.

Gebangt hat Neff vor den technischen und teils tückischen Abfahrten im ersten Training am Unfallort nach der Genesung dennoch nicht. „Angst hatte ich wirklich nicht, und es hat mir einfach so gefallen. Und ich hab‘ mich dann auch wieder rangetastet und wieder hochgearbeitet auf den alten Speed.“ Trotzdem wäre ohne die pandemiebedingte Verschiebung der Olympischen Sommerspiele der Wettkampf in Tokio wohl zu früh gekommen. Nicht nur, um sich auf das Podium zu fahren, sondern womöglich gänzlich für einen Start. 2021 gelang der Schweiz ein so genannter „Sweep“ des olympischen Treppchens, das bedeutet, dass Gold, Silber und Bronze an eine einzige Nation gingen. Die Konkurrenz im eigenen Land ist demnach immens.

Starke Schweiz

Starke Schweiz

Die Schweizer Männer waren schon vor zehn Jahren sehr erfolgreich, sammelten rigoros Europameister-, Weltmeister- und Olympiatitel ein. Das bewarb den Sport im Land und gab Grund zur ausgiebigen Förderung: „Das hat dem Mountainbikesport in der Schweiz einen Schub verliehen.“ Mehr Aufmerksamkeit. Mehr mediale Präsenz. Und die Einführung einer Nachwuchs-Cup-Serie, mit der Neff groß werden durfte. Ihre Eltern beteiligten sich selbst an der Durchführung von Nachwuchsrennen in ihrer Umgebung. Kein Wunder, denn Jolandas Vater Markus war 1997 selbst Vizeweltmeister im Mountainbike.

Durch den erheblichen Erfolg der heute 29-Jährigen kamen auch mehr Mädchen und Frauen auf den Geschmack des Sportes. Das macht sich heute im Nationalteam bemerkbar: „Als ich angefangen habe, da gab es noch ein paar Ältere, also ich sag mal über 40, und die waren noch so im Nationalteam mit dabei. Und ich bin jetzt noch nicht einmal 30 und ich bin die Älteste.“

Zum einen ist die Progression einfach interessant, aber „gleichzeitig hoffe ich, dass ich nicht schon aussortiert werde, obwohl ich jetzt die Älteste bin,“ fügt Neff lachend hinzu. Wahrscheinlich ist das nämlich nicht.

Weltspitze = Europa

Doch nicht nur die Schweiz hat eine enorm starke Konkurrenz zu bieten. „In Europa ist die Wettkampfszene einfach extrem stark.“ Die Radsportlerin hat dafür auch eine simple Erklärung. „Es gibt wirklich jedes Wochenende ein Rennen auf Toplevel.“ Und die Strecken zwischen den Cups in Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien und der Schweiz sind meistens problemlos mit Bahn oder Auto zu überwinden. „Bei uns kannst Du eigentlich im Umkreis von drei Autostunden jedes Wochenende ein Rennen fahren.“ In den USA, Afrika und Australien sei das anders, weshalb dort die geballte Stärke der Fahrerinnen und Fahrer ohne stetige Wettkampfmöglichkeiten geringer ist. Dies verhindert auch einen zuverlässigen Nachschub an jungen Talenten. Außerdem hat Europa ohnehin eine Radkultur, Kinder können sich überall bei bestehenden Clubs mit starken Vorbildern anmelden.

Kein Wunder also, dass bei den Olympischen Spielen in Tokio unter den 15 besten Fahrerinnen 13 Europäerinnen waren, unter ihnen sonst nur noch zwei US-Bürgerinnen. Bei einer „Europameisterschaft hast Du eigentlich fast alle [Favoritinnen] dabei.“ Als Ausnahme zur Regel fällt ihr aus dem Stegreif nur die Australierin Rebecca McConnell ein. Daher hat „die EM sicher einen sehr hohen Stellenwert und ist total vergleichbar mit einem Weltcup.“

Dennoch finden die Europameisterschaften im Vergleich zu den Weltcups oftmals abseits der Öffentlichkeit statt. „Wir hatten schon EMs, die man nirgends überhaupt verfolgen konnte.“ Für sie sind die European Championships daher der richtige Ansatz. „So ein Großevent, das hilft dem ganzen Sport, das bringt alle weiter. Das war auch in Glasgow, das wurde in 70 Länder übertragen, und das ist genau, was der Sport braucht.“

Miteinander bei München 2022

Miteinander bei München 2022

Neff freut sich nicht nur über die Auswirkungen und mediale Präsenz ihres Sportes, sondern auch über die Möglichkeit, die weiteren acht Sportarten live zu verfolgen. „Da gibt es ganz viele Sportarten, die mich interessieren würden, und bei denen ich total gerne zusehen würden.“ Wen sie anfeuern wird ist auch klar, denn sie kennt viele Schweizer Athletinnen und Athleten, auch aus den anderen acht Sportarten: “Mujinga Kambundji, Ajla Del Ponte, Salomé Kora [Leichtathletik], Petra Klingler [Sportklettern], Anouk Vergé-Depré [Beachvolleyball]”, und ihre Liste geht weiter.

Langweilig wird ihr nicht werden. „Wann immer diese Möglichkeit da ist, und man mit den anderen Kontakt haben kann, genieße ich das total. Und ich finde das total cool sich auszutauschen.“ Dafür ist München 2022 der perfekte Ort, denn bei neun zeitgleichen Europameisterschaften entstehen mehr Tangenten als man erahnt.

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