Phönix und Löwin Vanessa Ferrari über die Welt des Turnens

Veröffentlicht am 13. Mai 2022 

Von Catiana Rettenberger 

Vanessa Ferrari ist seit fast zwei Jahrzehnten eine feste Größe im europäischen Turnen. Die italienische Turnerin wurde 2006 Weltmeisterin im Mehrkampf, hat seitdem vier Europameistertitel gewonnen und krönte ihre Karriere mit Silber am Boden bei den Olympischen Spielen in Tokio. Doch die Löwin ist noch lange nicht fertig. Wir haben mit Ferrari in einem Exklusivinterview über ihre sportliche Karriere und Turnen in Europa gesprochen. 

Vanessa Ferrari of Italy competes on floor in the Women's Floor Exercise Final at the Gymnastics on day ten of the Tokyo 2020 Olympic Games.

Von all den vielen Erlebnissen, die Du im Laufe Deiner Karriere erlebt hast, welches ist Dein Schönstes und warum? 

Es ist schwierig zu definieren, was meine schönste Erinnerung ist, sicherlich sind die besten Erinnerungen mit meinen größten Erfolgen verbunden. Der Sieg bei den Weltmeisterschaften 2006 und die jüngste Medaille in Tokio. Sie sind für mich die bedeutendsten Medaillen. 

Kannst Du Deine Leidenschaft für den Turnsport beschreiben? 

Turnen ist mein ganzes Leben, ich habe mich in diesen Sport verliebt, als ich als Kind einen Wettkampf im Fernsehen gesehen habe, und von da an habe ich zu meiner Mutter gesagt, ich möchte turnen. 

Du hast im Laufe der Jahre viele Spitznamen erhalten, kannst Du uns etwas über sie erzählen? 

In meiner Laufbahn wurden mir viele Spitznamen gegeben. Den ersten Spitznamen habe ich schon in sehr jungen Jahren bekommen: Schmetterling, da ich mich so leicht bewegte und zu schweben schien. Nach den Mediterranean Games in Almeria 2005 wurde ich die Kannibalin genannt, weil ich fünf Goldmedaillen und eine Silbermedaille gewonnen hatte, aber ich war wütend, weil ich sechs Goldmedaillen wollte. Dann hatte ich so viele Probleme, dass man mich als Phönix betitelte, weil ich in der Lage war, danach wieder aufzuerstehen. Vor Tokio war ich schließlich die Löwin, weil ich heiß auf den Sieg war und für die Beharrlichkeit, die es für diesen Erfolg brauchte.

Gewissermaßen sind die neuen Spitznamen mit einer neuen Ära und der Rückkehr zum Sport gekommen. Was hat Dir die Kraft gegeben, weiterzumachen? 

Die Kraft weiterzumachen, kommt von dem Wunsch, meine Träume zu verfolgen. Wenn ich einen Traum verfolge, dann setze ich mir ein Ziel und tue alles, um es zu erreichen. 

Du hast 2006 den Mehrkampf-Titel bei den Weltmeisterschaften gewonnen und Dir 2021 in Tokio Deine erste olympische Medaille gesichert, würdest Du sagen, dass sich die Arbeit und alle Comebacks gelohnt haben? 

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich früher oder später die harte Arbeit auszahlt. Ich denke, ich hätte keine besseren Entscheidungen treffen können als die, die ich getroffen habe. 

  

Was würdest Du Deinem Ich von 2006 jetzt sagen, wenn Du mit Dir selbst sprechen könntest? 

Wenn ich könnte, würde ich mir selbst raten, mich vor Verletzungen zu hüten und zu versuchen, diese Probleme besser in den Griff zu bekommen. 

Du kommst gerade von einer Verletzungspause zurück. Wirst Du rechtzeitig wieder fit sein für die European Championships Munich 2022? 

Leider musste ich mich aufgrund von Sehnenproblemen einer erneuten Operation unterziehen und werde deshalb bei den Europameisterschaften in München nicht dabei sein können, da der Rehabilitationsprozess, dem im Wege steht. 

 

Das ist schade, denn bei den European Championships Munich 2022 werden nicht nur die Europameisterschaften im Turnen ausgetragen, sondern neun olympische Sportarten an elf Wettkampftagen. Neben Turnen werden in der bayerischen Landeshauptstadt auch die Europameisterschaften in Leichtathletik, Beachvolleyball, Kanu-Sprint, Radsport, Rudern, Klettern, Tischtennis und Triathlon stattfinden. 

Italian gymnast Vanessa Ferrari competes in a qualifying round of the balance beam event at the European Women's Artistic Gymnastics Championships in 2015.

Italien hat glücklicherweise eine neue Generation von Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern, die mit Dir aufgewachsen sind und Dich verfolgt haben. Das junge Frauenteam hat Mut bewiesen und holte sich Bronze bei den Weltmeisterschaften 2019 in Stuttgart (Ich war dort, und sie sind einfach nur "wow"!). Was traust Du dem italienischen Turnen in Zukunft zu? 

Das italienische Turnen entwickelt sich ständig weiter, die neuen Generationen wachsen heran, und die Bewegung wird besser und besser. Ich finde es sehr schön, denn als ich klein war, habe ich unter schwierigen Bedingungen trainiert, jetzt sind die Strukturen zum Glück besser, und das hilft allen, sich weiterzuentwickeln. 

Wo siehst Du Europa als Einheit auf internationaler Ebene? 

Ich denke, dass die Europameisterschaften in der Regel ein ausgezeichnetes Niveau haben im weltweiten Vergleich. 

Welche Frauen haben in München eine Chance auf Gold im Mehrkampf und speziell am Boden? 

Ich kann nicht sicher sagen, wer die Chance hat, den Mehrkampf zu gewinnen, es gibt auch neue junge Turnerinnen auf ausgezeichnetem Niveau, die ich nicht kenne. Ich denke, der Wettkampf wird ein großer Spaß werden. Am Boden könnte Jessica Gadirova immer noch dominieren, sie hat beim letzten Mal gewonnen und ist bei den Olympischen Spielen ins Finale gekommen. Aber beim Turnen ist es nicht so offensichtlich, wir werden anhand der teilnehmenden Turnerinnen und vor allem anhand deren Form sehen, was geschieht. 

München 2022

Gadirova ist mit Sicherheit eine Medaillenanwärterin bei den diesjährigen Europameisterschaften. Die 17-Jährige gewann bei den Olympischen Spielen in Tokio Bronze am Boden und sicherte sich 2021 neben ihrem Europameistertitel am Boden auch Silber am Sprung. Da Ferrari leider nicht rechtzeitig fit sein wird, um im August anzutreten, hat ihre Landsfrau Martina Maggio, Vierte am Boden bei den letzten Europameisterschaften, die Chance an Ferraris Stelle eine Medaille für Italien zu holen. Aber auch Mélanie de Jesus dos Santos, die Siegerin der ersten Auflage der European Championships 2018 in Glasgow, hat die Goldmedaille im Blick. 

Gadirova und Maggio haben ihre Profikarriere gerade erst begonnen, sind aber bereits seit ihrer Zeit als Juniorinnen ein Teil der internationalen Szene. Und wie es der Zufall so will, ist München auch Austragungsort der Junioren-Europameisterschaften. Und ist somit ein Vorgeschmack auf, das was uns in den kommenden Jahren erwartet. 

Die kontinentalen Meisterschaften werden in der historischen Olympiahalle ausgetragen, in der schon Olga Korbut und Karin Janz bei den Olympischen Sommerspielen 1972 schwerelos an den Geräten turnten. Und wer weiß, welche Geschichten in Zukunft über 2022 erzählt werden? 

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